Mittwoch, 26. September 2012

Was vom Leben übrig bleibt

Gestern ist mir bei einem Streifzug durch die Presselandschaft ein Foto begegnet, das mich nicht mehr loslassen will.
Es zeigt sechs der zwölf toten Bergsteiger, die vor ein paar Tagen im Himalaya von einer Lawine verschüttet wurden und nun eingezurrt in ihre Schlafsäcke in einer Garage liegen, bis jemand kommt, sie abholt und heim fährt - dorthin, wo ihre Familien auf das warten, was vom Leben übrig blieb.

Vielleicht geht es dir wie mir, wenn du dir diese Szene vorstellst. Mich schockt die Normalität.
Jeden Moment könnte einer in die Garage kommen, sich den Helm aufsetzen und davon fahren. Vielleicht wirft er noch einen kurzen Blick nach unten, vielleicht fährt er aber auch einfach so los, während auf dem Boden unter Nummer 1 bis 6 unnütze Hoffnungen, abgestorbene Liebe, gemeinsame Vergangenheiten und wahrscheinlich viele Pläne in Schlafsäcken verwesen.
Das Leben ist so zerbrechlich.
Man muss nicht auf einen Berg steigen, um das zu beweisen und doch kann ich jeden verstehen, der es tut. Eine Ambivalenz, ich weiß.
Sie steckt in der Frage, ob wir uns selbst dafür entscheiden dürfen, unser Leben in Gefahr zu bringen.
"Ja!" schreit mein Herz. "Nein!" ruft der Kopf und fügt gleich eine ganze Liste von moralischen Bedenken hinzu.
Und während Kopf und Herz streiten, geht das Leben weiter.
Wie auf dem Foto, das auf mich trotz der Verstorbenen absolut lebendig wirkt und die Geschichte weiter erzählt. Wahrscheinlich ist die Garage schon wieder leer. Wahrscheinlich liegen in ein paar Tagen oder Wochen wieder Schlafsäcke auf dem Boden und hüllen das ein, was vom Leben übrig blieb.
Ja, das Leben ist zerbrechlich und am Ende bleibt uns nichts, außer zu Lebzeiten die Erkenntnis, dass nur der Augenblick zählt. Vielleicht der auf einem Berg, vielleicht der, wenn du dein Kind betrachtest, das lachend vor dir steht, oder der Moment in dem du bei Edeka wartend an der Kasse stehst, kurz die Augen schließt  und deinen Atem spürst.

Kommentare:

Ina hat gesagt…

das freut mich liebe Jeannette. Ist ja lustig das du dich gerade heute meldest. Gestern habe ich deinen Post gelesen und fand ihn so eindrücklich das ich ihn gerne heute auf meiner Seite verlinken wollte.

Liebe Grüße und einen schönen Tag dir
Ina

Station88 hat gesagt…

Bewegend...
GGLG Astrid

* Sonja hat gesagt…

Bei Ina habe ich den link zu deinem Post entdeckt und auch bei ihr kommentiert! Ich freue mich riesig, dass du bei mir mitliest!
Liebe Grüße! Sonja

Rosalie hat gesagt…

Das Bild geht unter die Haut.

"Shattered dreams..." kommt mir spontan in den Sinn. Und so unglaublich viel Leid, das mit diesen toten Körpern verbunden ist. So viele Familien und Freunde, die nun eine ganz schlimme Zeit erleben, so viel Trauer, Verzweiflung und Wut. Denn eines ist klar: es waren Menschen mit Persönlichkeit. Menschen, die einen Traum hatten und die sehr hohe Strapazen auf sich genommen haben und sehr viel Geld aufgewendet haben, diesen Traum zu realisieren. Das waren keine unscheinbaren Existenzen. Sie werden fehlen... Und viele Angehörige werden damit hadern, dass diese Männer ihr Leben für ihren Traum (leichtfertig?) riskiert und letztlich verloren haben.

Das Foto sieht erschreckend "banal" aus. Und es steckt so viel Tragik dahinter. Man kriegt eine Gänsehaut, wenn man etwas vertiefter darüber nachdenkt...

LG,
Rosalie