Freitag, 3. August 2012

Der kleine Unterschied


„Ich hätte gern noch einen Bananensplit“
Damit fängt die Geschichte an.
Nein, das stimmt nicht ganz. Eigentlich beginnt sie bereits einige Tage zuvor mit einer E-Mail. Ein ortsansässiger Journalist fragt an, ob ich nicht - wenn ich schon mal hier in der Gegend bin - Lust hätte, ein wenig zu plaudern. Darüber, wie man sich als Haupt- und Großstadtgeschädigte im ländlichen Oberbayern fühlt. Darüber, was hier oder daheim anders oder auch gleich ist.

Mir gefällt die Idee und so erreiche ich am frühen Montagabend den Ort - mental auf das Sammeln von Eindrücken eingestellt.  Schön ist es hier, aber das klingt zu banal. Ich sitze auf einer Terrasse und mein Blick darf wandern. Über sanfte Hügel, den Untersberg, der in der Ferne liegt, eingehüllt in rot-graue Dämmerung und über den ich wahrscheinlich schon mehr weiß, als so mancher, der hier lebt. Zufall – mehr nicht. Besucht habe ich ihn noch nie, was mein Wissen mit einem Hauch Prahlerei überzieht. So wie der Psychologe in einem Hollywoodstreifen zu seinem Klienten sagt: „Theoretisch kannst mir alles über die Liebe erzählen. Aber du hast dich noch nie wehrlos in den Armen einer Frau gefühlt.“
Berlin hat auch einen Berg. Einen Hügel aus Trümmern. Nicht vergleichbar mit dem Untersberg und doch für mich einer der schönsten Plätze Berlins.
Nur zweieinhalb Tage. Kaum  Zeit um richtig anzukommen, geschweige denn einen Ort zu erfassen.
„Ist Ihre Seele auch schon hier?“ fragt mich der Journalist, als wir mittags im Bacchus sitzen.
Ja, das mit der Seele ist so eine Sache. Woran merkt man, ob sie da ist, oder nicht vielleicht doch noch in Österreich hängt, wo ich die Tage davor verbracht habe? Und liegt es an der Qualität eines Ortes, ob sie sich mit dem Nachkommen beeilt?
„Klar ist sie da.“ antworte ich und schaue in wache Augen. Berliner Journalisten sehen müder aus. Während wir uns unterhalten, hält mich die Sache mit der Seele noch einen Moment gefangen. 21 Gramm soll sie wiegen. Das ist genau die Masse, um die sich unser Körpergewicht verringert, nachdem wir ein letztes Mal geatmet haben. Aber auch das ist Theorie.
Unser Gespräch nimmt eine andere Richtung. Gut so, denn die Zeit ist zu kurz um einzutauchen  in all die Geschichten, die hier vielleicht auf der Straße liegen. Ich erzähle ein bisschen aus meinem Leben, wir plaudern nett, verabschieden uns freundlich und einige Stunden später spielt eine Band ein paar Meter weiter, während ich Holunder-Secco trinke, mein Mann Bananensplit bestellt. Ich schließe die Augen und bevor ich sie öffne, weiß ich, dass diese Szene in jeder beliebigen Stadt in jedem Ort so spielen könnte. Lachende, plaudernde Menschen ein entspannter Sommerabend, der vergessen lässt, dass sich der Alltag unaufhaltsam nähert.
Ich fühle mich hier wohl. Damit bleibt die Antwort auf die Frage, wie es mir als Berlinerin in Waging geht banal. Und doch bewirkt sie etwas. Einmal mehr stoße ich an eine Ambivalenz, die ich, so lange ich denken kann, mit mir herumtrage. Stadtleben ist schön. Es ist quirlig, aufregend, anstrengend, herausfordernd, laut, eng, hektisch, verrückt, bewusstseinserweiternd und schnell. Aber durch einen Ort zu schlendern und irgendwann jeden Winkel, jedes Gesicht zu kennen, es zu lieben, zu hassen oder gleichgültig an ihm vorbeizugehen, ist auch ein Teil von mir. Vielleicht ist es die Angst, irgendwann nichts Neues mehr entdecken zu können, die mich bisher davon abgehalten hat, Berlin endgültig den Rücken zu kehren.
Vielleicht ist das der Unterschied, schießt es mir durch den Kopf. Die Anonymität wählen zu können, immer dann, wenn ich sie brauche. Stundenlang durch die Straßen zu gehen, ohne einen Menschen zu treffen, den ich kenne. Oder grußlos im Treppenhaus an dem Mieter, der drei Etagen über mir wohnt, vorbeizulaufen, im Wissen, dass er sich über meine Unhöflichkeit nicht beklagen wird. Nein, das ist keiner. Wer das hier will, geht in den Wald. Oder auf den Berg. Und auch der Bananensplit ist nicht von dem zu unterscheiden, der in Berlin über den Tresen gereicht wird..

Und so bleibe ich offensichtlich eine Antwort schuldig. Ich sitze auf der Terrasse, es ist wärmer als am Montag. Meine Finger hopsen über die Tastatur, während der Untersberg noch genauso zauberhaft an seinem Platz steht, wie er es noch in vielen Tausend Jahren tun wird, dann, wenn von mir nicht einmal mehr Staub übrig ist. Morgen um diese Zeit sitze ich in einem Auto, fahre auf der A9 wieder zurück nach Berlin und werde, dort angekommen, genau nachspüren, ob ich meine Seele im Gepäck habe. Vielleicht bleibt ja ein Teil von ihr zurück an diesem schönen Ort.
Ich schaue auf, mein Mann setzt sich gegenüber. Ich frage ihn in der Hoffnung auf einen letzten Hinweis, ob denn der Bananensplit hier anders geschmeckt hat, als in Berlin.
„Das kann ich dir gar nicht sagen.“ antwortet er mir, lächelt und steht wieder auf. „Den esse ich nur, wenn ich im Urlaub bin.“

1 Kommentar:

Veit hat gesagt…

Hier ein Spaziergang mit dem kleinen Unterschied: http://gedichtbandlose-lyrik.de/ein-kleines-lustspiel