Sonntag, 25. März 2012

Vernissage Black Label - Bestandsaufnahme

Die folgende Geschichte ist anlässlich der Ausstellungseröffnung von Romy Campe und Claudia Sawallisch im Berliner Kunstsalon Kunstleben Berlin entstanden. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, allen Anwesenden zu danken. Für die Wertschätzung, die sich in der Stille während meines Vortrags zeigte. Ein wunderbares Geschenk!



Claudia Sawallisch und Romy Campe
Es ist Frühling. Draußen blühen schon die Krokusse und im Netz gibt es eine heiße Diskussion über das Thema Urheberrecht. Ausgelöst durch ein emotionales Pamphlet von Autor und Musiker Sven Regener, der sich darüber echoviert, dass die modernen Internetmacher  mit seiner Kunst Geld verdienen, während er als Urheber an diesem Gewinn nicht partizipiert. Irgendjemand klinkt sich in die Diskussion ein und schreibt sinngemäß,  Regener möge sich nicht so haben, Kunst sei schließlich keine Arbeit.
Keine zwei Wochen her, da war ich in Dresden und habe mir in einem alten Gasometer Asisis Panometer  von Rom angeschaut. Es war grandios. Meine kleine Tochter fand das auch, nur interessierte sie sich weniger für Rom als vielmehr dafür, die gegenläufig  angeordneten Treppen der Aussichtsplattformen immer entgegen der eigentlich angezeigten Laufrichtung hoch oder hinunter zu laufen. Ich habe sie dabei beobachtet, habe mich an ihrem Lachen und an ihrer Stoik erfreut, mit der sie sich konsequent  gegen den Strom bewegte.
Wenn ich eine Geschichte schreibe, so sitze ich stets aufs Neue  vor einem leeren Blatt. Rein virtuell natürlich, denn die Zeiten, als ich um Texte zu schreiben, noch den Stift über das Papier führte, sind vorbei, was nichts an der Tatsache ändert, dass für mich das Schwierigste am Schreiben immer der erste Satz ist. Darum habe ich mir angewöhnt, das mit dem ersten Satz zu delegieren.
Erinnern Sie sich noch? „Es ist Frühling!“ Diesen Satz, hat mir heute Morgen  mein  Mann zusammen mit einem Lächeln für diese Geschichte geschenkt.
Haben Regeners Urheberrecht, Asisi, der Frühling, meine Tochter und ein erster Satz etwas miteinander zu tun? Und wie. Sie sind Teil dessen, was ich „meine Erfahrung“ nenne. Zugegebenermaßen ein angenehmer Teil.  Es gibt andere. Aber  -  indem ich Ihnen jetzt hier davon erzähle, entsteht aus dieser Erfahrung plötzlich etwas Neues.
Ist das schon Kunst?
Romy hat mir geschrieben, dass es ihr mit den Werken dieser Ausstellung darum geht, etwas Neues in die Welt zu bringen. Sich mit dem Pinsel in der Hand der Frage zu stellen, an welchem Punkt sie eigentlich in ihrem Leben steht. Ich sage bewusst: Der Frage zu stellen, denn manchmal ist Kunst zu schaffen ein Akt, der bis an die Schmerzgrenze geht, weil plötzlich Innenwelten sichtbar werden, gelebte Erfahrungen, die durchaus auch Dämonen gleichen, Gestalt annehmen. 
Kunst kann Krusten aufbrechen, Schleier lüften, Verletzlichkeit und Archaisches zeigen, ohne dass der Künstler selbst zum Exhibitionist wird.  So sprechen Claudias Engel und Figuren zwar von Schmerz, Selbstzweifeln und Projektionen, vom Leben als Frau, als Künstlerin, als Mutter und doch sind sie gleichzeitig ein Geschenk an diese Welt. Boten der Seele, weil sie uns federleicht davon erzählen, wie es sich anfühlt zu vergeben. Dem Leben, Gott und vor allem uns selbst.
Für mich persönlich liegt in der Kunst der wahre Fortschritt der Menschheit. Weil das, was auf dem Papier und in der Pressemitteilung noch Bestandsaufnahme heißt, längst ein eigenes, unabhängiges  Leben führt. Wir stehen hier und betrachten etwas das reifer und reicher ist, weil wir alle plötzlich Teil des Ganzen sind, es in uns aufnehmen, als Erfahrung speichern, um daraus wieder Neues zu kreieren. Insofern gebe ich übrigens Regener Recht, dass man den Künstlern diese Leistung  auch angemessen bezahlen sollte.
Hat nämlich der Künstler den Mut, seine Emotionen und Bedürfnisse mit seinem Werk zu transformieren, so schafft er damit für mich einen Raum, den ich wie Asisis Panometer betreten und bestaunen kann. Ich werde Rom, so wie es war nie erleben, aber ich kann mir aus dem, was ich bei Asisi sehe, mein eigenes Rom erbauen.
Es ist Frühling. Eine Jahreszeit, die uns, wie die Engel von Claudia und die Bilder von Romy eine Perspektive eröffnet. Es bleibt nicht ewig kalt. Die Erde bricht auf und die Natur und das Leben zeigen uns ein neues Gesicht. Eines, das wie das helle Lachen des Kindes klingt, das mit Freude die falsche Treppe benutzt oder, das wie das Lächeln berührt, welches mir heute morgen zu meinem ersten Satz geschenkt wurde.

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