Donnerstag, 15. März 2012

Der Zufall und Adrenalin pur

Morgen ist es soweit. Gleich früh geht es auf zur Leipziger Buchmesse. 20.000 Neuerscheinungen werden präsentiert und auf einer steht mein Name. Sehr aufregend. Oder besser: Ich bin so aufgeregt, wie schon lange nicht mehr. Adrenalin pur eben.
Und weil das alles so spannend ist, will ich Euch mal erzählen, wie es eigentlich dazu kam. Also - wie ich überhaupt zum Schreiben gekommen bin.Denn abgesehen davon, dass ich als Kind schon gern Gedichte geschrieben habe, in denen Ziegen nichts zu fressen bekamen:

"Ziege steht im Stall und meckert, 
kommt denn heute keiner rein? 
Hab ja heute solchen Hunger, 
würd am liebsten "Futter!!!" schrei'n."

gibt es noch einen handfesten Grund. Er nennt sich Zufall. Und da wir alle wissen, dass es keine Zufälle gibt, so ist das alles am Ende eine Fügung, die gar nicht anders kommen konnte.
Den folgenden Text habe ich vor zehn Jahren geschrieben. Er war allerdings nie so aktuell, wie jetzt an diesem Wochenende.

Zufall Osang

Was ist Zufall? Die einen sehen in ihm eine Bedeutung. Nichts geschieht zufällig. Alles ist vom Schicksal initiiert. Manchmal kommen wir dahinter und treffen die richtige Entscheidung. Zufällig. Andere wiederum behaupten, der Zufall ist das, was er eben ist. Zufall. Ohne Hintergrund und ohne Absicht.
Es gibt auch Menschen, die schwanken zwischen der einen und der anderen Auffassung hin und her. Glück geschieht zufällig, während jedes Unglück als Schelte des Universums oder doch zumindest als geplante Attacke des Gegners gedeutet wird.
Wie auch immer. Ich vertrete die Ansicht, dass auf jeden Fall ein tieferer Sinn hinter jeder Begegnung steckt, die wir in unserem Leben machen. Oft sind wir nur zu bequem genau hinzuschauen.
Gestern war ich auf der Buchmesse in Leipzig. Und wen treffe ich? Alexander Osang, Schriftsteller und Journalist. Natürlich traf ich ihn nicht persönlich, sondern saß als Zuhörer in seiner Lesung. Ich bin nicht mit der Absicht auf diese Messe gefahren, mir seine bisher unveröffentlichten Manuskripte anzuhören oder seine Ansichten zur Stadt Berlin kennenzulernen. Und trotzdem wusste ich in dem Moment, da ich auf einem Plakat seinen Namen las, dass ich nur aus dem einen Grund hier war. Um ihn zu sehen und zu hören. Sein Manuskript, seine Meinung über Berlin und den Grund, warum er in New York schon beim Dessert ist, während in Berlin der Kellner noch nicht einmal seine Bestellung an die Küche weitergereicht hat. Ich schätze Osangs Sprache. Seine Kunst Weltpolitik mit banal Alltäglichem zu verbinden. Die Kunst, den Augenblick zu beschreiben, so, wie er sich in diesem Moment darstellt. Liest man einen Text von Osang, bleibt die Zeit einfach stehen.
Was das mit meinem Zufall zu tun hat? Das kann ich erklären. Meine erste Begegnung mit Osangs Texten hatte ich während meiner Ausbildung zur Journalistin. Mir war von einer auf die andere Sekunde klar, dass ich so und nur so schreiben möchte. Ohne ihn zu kopieren. Das kann eh niemand. Aber ich wollte diesen Zauber rüberbringen. Andere Menschen berühren, sie mit in meine Welt nehmen und sie für eine kurze Zeit aus ihrem Hamsterrad erlösen. Dann, wie das manchmal so ist, kamen die Dinge anders. Ich habe die Feder fallen lassen, habe die Richtung geändert, ohne wirklich weiterzugehen. Bis zur nächsten zufälligen Begegnung. Na gut – die war nicht ganz so zufällig. Nur die Tatsache, dass ich an diesem Tag das Radio anstelle und genau in diesem Moment der Veranstaltungshinweis kommt, war nicht geplant. Buch Lesung seiner Kolumnen im Deutschen Theater. Ich hatte einen schrecklichen Kater vom Abend zuvor und musste oben im Rang sitzen. Mir war schwindelig und nicht klar, wie ich diesen Vormittag überstehen sollte. Und dann kam er auf die Bühne, klappte sein Buch auf und begann zu lesen. Vergessen die Kopfschmerzen, vergessen der Schwindel. Ich schwebte auf einer Wolke dahin, ließ mich nach New York und in alle Orte treiben, die er beschrieb. Ich war selig. Gleichzeitig fiel mir mein Anliegen wieder ein. Der Traum, auch schreiben zu wollen und die Menschen auf so unspektakuläre Art und Weise mitzureißen und zu hypnotisieren. Diesmal habe ich es getan. Ich habe mich hingesetzt und habe geschrieben. Nicht Osangs Geschichten sondern meine. Meine Welt mit meinen Worten. Einen Grimme Preis habe ich noch nicht. Vielleicht kriege ich auch nie einen. Vielleicht reicht es nicht einmal zu einer Lesung. Aber eins ist mir gestern auf der Messe zwischen all den Büchern und Geschichten klar geworden. Es ist wichtig, seinen Träumen zu folgen. Wenn wir sie aufgeben, sind wir leblose Individuen in einer Hülle aus Haut. 
Sollten Sie, lieber Herr Osang, das hier jemals lesen, dann vielen Dank dafür, dass sie mein Zufall waren.


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