Mittwoch, 2. November 2011

Kleiner Gast

Vorgestern begegnete ich meiner Tochter auf halber Strecke zwischen Schule und Wohnung. Ich sah schon von weitem, dass sie etwas in den Händen hielt, ganz sanft, so als wäre es zerbrechlich. Beim näheren Hinsehen erkannte ich einen winzig kleinen Vogel, einen Spatz, der zitternd zwischen ihren Handflächen kauerte.

Den hätte sie auf der Straße gefunden und ob wir ihn behalten können, bis er wieder gesund ist, fragte sie und schaute mich dabei mit einem Blick an, der eigentlich von vorneherein keinen Widerspruch zuließ.
Natürlich bekam der Spatz bei uns ein Quartier.
Er war offensichtlich krank oder völlig erschöpft, jedenfalls konnte er sich kaum auf den Krallen halten, geschweige denn fliegen.
Nun müssen Sie wissen, dass ich schon so lange ich zurück denken kann, eine Schwäche für all die geflügelten Geschöpfe dieser Welt habe. Egal ob Spatz oder Adler - Vögel faszinieren mich. Zu Zeiten, als meine Freundinnen sich über Pferde unterhielten, hörte ich mir Schallplatten mit Vogelstimmen an - insofern war es eigentlich gar keine Frage, ob der Spatz aufgenommen wird oder nicht.
Und so kaufte ich Mehlwürmer, organisierte eine kleine Pipette, einen Vogelkäfig, rieb Apfel, zerquetschte Banane und versuchte so unseren gefiederten Gast wieder aufzupäppeln.
Leider vergebens, denn heute vormittag verstarb der kleine Vogel.
Meine Tochter weiß es noch gar nicht und Sie ahnen sicher, dass es mir nicht leicht fällt, ihr das nachher zu sagen und natürlich hätte ich selbst es auch viel lieber gesehen, wenn das Kerlchen nach ein paar Wochen wieder munter von dannen geflogen wäre.
Aber auch solche Erfahrungen gehören zum Leben dazu. In freier Natur hätte der kleine Piepmatz wahrscheinlich noch nicht einmal die Nacht überlebt. Und so haben wir es wenigstens versucht und ihm mit Sicherheit ein friedliches Entschlafen ermöglicht.

Kommentare:

Bea hat gesagt…

Das haben wir auch schon hinter uns, auch leider vergebens. Ehrlich gesagt werde ich keinen so kleinen Vogel mehr aufnehmen, weil sie es in der Regel nicht schaffen.

Grüße Bea

Carmen hat gesagt…

Schade, dass der kleine Spatz es nicht geschafft hat. Aber der Wille zu helfen war da. Das ist es, was zählt.

Ich hoffe das Töchterchen konnte die Nachricht einigermaßen gut verkraften.

Matthias Göhr hat gesagt…

ich päppelte mal einen grünfink hoch der einen gebrochenen flügel hatte, als er wieder davon fliegen konnte war ich sehr glücklich.

schade das es der sperling nicht geschaft hat.

lg matthias

Margrit hat gesagt…

Hallo liebe Freundin. In den meisten Fällen handelt es sich bei scheinbar hilflosen Tieren nicht um Waisen, sondern um fast flugfähige Jungvögel mit relativ vollständigem Gefieder, die auf der Wiese sitzend durch Bettelrufe noch mit ihren Eltern in Verbindung stehen. Daher ist es empfehlenswert, die Nestflüchter zu belassen oder bestenfalls in ein schützendes Gebüsch zu setzen. Sollte noch kein Federkleid den Vogel schützen - wenn möglich - vorsichtig ins Nest zurücksetzen. Die Altvögel füttern den Jungvogel in der Regel, dann trotz menschlichen Geruchs wieder. Bis bald...

Bernd Balder hat gesagt…

Das sind die Momente, wo man dem Nachwuchs plötzlich ganz nah ist und doch nicht recht weiß, was man sagen, wie man reagieren soll. Wunderschöne Momente, ganz ohne Worte ...

LG
Bernd