Dienstag, 5. Juli 2011

Lobbyarbeit

Es ist wie so oft - habe ich lange nicht geschrieben, häufen sich in mir die Themen, sodass ich Mühe habe, mich für eines zu entscheiden.
Gerade habe ich einen Artikel über ein Mädchen gelesen, das ihren Vater nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder trifft, nachdem die Mutter vorher den Kontakt vehement unterbunden hatte. Eine berührende Geschichte, die mich gleichzeitig natürlich an meinen eigenen unbekannten Vater erinnert.
Parallel dazu fällt mir ein Buch ein, das ich vor kurzem in den Händen hatte. "The big Five for Live", in dem es - nett verpackt - darum geht, wie wir erkennen, was für unser Leben wichtig ist. Die Anregung: Stellen Sie sich Ihr Leben wie ein Museum vor. Schaffen Sie für jeden Tag einen Raum und dann gehen Sie durch, spüren nach und schauen, wie Sie sich fühlen. Dann können Sie bei jedem weiteren Tag, den Sie morgens beginnen, überlegen, wie er aussehen soll, damit man - respektive Sie - später gern durch diesen Museumsraum geht bzw. gehen.
Kinder haben oft gar keine Chance, ihre Räume zu schaffen. Sie werden in Systeme hineingeboren, die ihnen nicht immer gut tun. Oft schaffen wir es im Laufe unseres Lebens, diese Erfahrungen zu verarbeiten, uns eigene und neue Bilder von uns selbst zu schaffen, die nicht mehr durch die elterliche Brille verzerrt oder beeinflusst sind.
Manchmal ist es allerdings ein mühsamer Weg, denn mit diesem geprägten Bild sind Gewohnheiten, Selbstannahmen und Lebensmuster verknüpft, die man mal nicht eben schnell über Bord werfen kann.
Es war Alice Miller die viel über missbrauchte Kinder veröffentlicht hat und sich bis zu ihrem Tod um die Aufklärung dieser Thematik bemüht hat, denn Missbrauch ist nicht nur in sexueller Form zu verstehen.Er fängt schon mit dem Satz: "Du bist wie dein Vater!" an und reicht über alle Varianten der Manipulation und psychischen Gewalt.
Oft ist es den Eltern nicht bewusst. Ich bin selbst Mutter und weiß, wie schnell es passieren kann, dass man den Bedürfnissen seiner Kinder nicht gerecht wird, oder ihnen im schlimmsten Fall auch schadet. Wir durchlaufen alle diesen Kreislauf, wenn wir Eltern sind. Wir wollen besser sein und schaffen neue Fehler. Wir stempeln einem Individuum unsere Lebensphilosophie auf, weil es manchmal gar nicht anders geht, wenn das Gefüge Familie halten und funktionieren soll.
Das gehört wohl zum Menschsein dazu und sicher hilft da auch keine Eltern-Ausbildung, wie sie mancherorts gefordert wird.
Ich selbst habe keine Lösung dafür. Und doch berührt es mich zutiefst, wenn ich die Geschichten von Menschen, wie dem oben erwähnten Mädchen höre und dann sehe, wie sie als Erwachsene dadurch geprägt sind und dann wünsche ich mir einfach mehr Menschen, wie Alice Miller, die die Dinge beim Namen nennen und damit eine Lobby für diese Kinder schaffen.

Kommentare:

Regenfrau hat gesagt…

Tolles Bild oben!!!! :-)
Ja Miller half mir auch viel, gerade bei den Themen emotionale Gewalt, die ja nicht sichtbar ist und somit kaum gesehen. Leider hieß es zuoft, dass ich eben falsch bin oder zu empfindlich. Und dann ein Sprachrohr zu haben, tut gut.
So eine Ausbildung wär wirklich keine Lösung. Wieviele haben den Auto-Führerschein und mißachten soviel ;)
Liebe Grüße

Christian hat gesagt…

Das Eltern ihre Kinder völlig gedankenlos oder auch absichtlich verletzen, sie einfach nicht verstehen können und wollen, ungeduldig sind und die Kommunikation mit ihnen als Last empfinden, nicht den Wunsch haben für ihr Kind verfügbar zu sein, das alles passiert so lange, wie Eltern ihre eigene Kindheit nicht verstehen.

Der "Stern" von letzter Woche hat eine Geschichte veröffentlicht, in der die Autorin ihren Säugling als eine einzige Zumutung und Bedrohung für ihr Leben beschrieben hat. Nach den Gründen dafür wurde jedoch nicht gefragt. Das wäre aber wichtig gewesen.

Der Autorin war weder die Tragik ihres von ihrer Zuwendung abhängigen Kindes bewusst, noch war ihr ihre eigne Geschichte als Kind zugänglich. Sonst hätte sie vermutlich nicht geschrieben, wie lächerlich, stumpfsinnig und nutzlos sie die Kommunikation mit einem Säugling empfindet und wie bedauerlich es doch ist, dass Spielzeug ihre Designer-Wohnung verschandelt.

Es nützen keine "Führerscheine", keine Aufforderungen, Ratschläge und auch keine Moralvorstellungen über Mütterlichkeit. Aber das Bewusstsein für die eigene frühe Geschichte und für den Schmerz und die unabdingbaren Bedürfnisse eines Säuglings nach Spiegelung, Wärme und Zuverlässigkeit schaffen eine Änderung durch einen Perspektivwechsel. Dann können Eltern ihr Kleinstkind gar nicht als Feind und als niemals zufriedenen Ausbeuter ihrer Lebensenergie bertrachten und sie erkennen, wie absurd derartige Artikel sind.

Alice Miller hat versucht diese Zusammenhänge verständlich zu machen und ich habe die Hoffnung, dass noch viele Menschen ihr Angebot zur Selbsterkenntnis durch das Lesen ihrer Bücher annehmen. Auch wenn beides nicht immer einfach ist.