Donnerstag, 14. Oktober 2010

Der große Kleine

Ich stehe nicht auf Rekorde.
Ein Guinessbuch kommt bei mir nicht ins Haus, denn immer schneller, höher, weiter ist einfach nicht mein Ding. Es hat mich bisher nicht sonderlich interessiert, wer am schnellsten rennt, die meisten Burger isst oder am längsten küssen kann.

Heute habe ich trotzdem mal über meinen Tellerrand geschaut. Denn heute wurde der 18-Jährige Khagendra Thapa Magar aus Nepal zum kleinsten Mann der Welt erklärt. Er misst exakt 67,08 cm und ist damit  nur 8 cm größer als mein Sohn bei seiner Geburt.
Als ich diesen kleinen Mann heute gesehen habe, hat mich eine Art von Rührung ergriffen. Ich habe mich natürlich gefragt, ob das nur an der Körpergröße liegt und einfach mein Beschützerinstinkt und meine natürliche Liebe für alles Kleine geweckt wurde. Aber das war es nicht. Es war die Stärke und Größe, die aus diesen kleinen Augen blitzt.

Wir Menschen sind ja seit je her von Abnormitäten fasziniert.
Früher gab es Schaubuden, auf denen sich Kleinwüchsige, Elefantenmenschen oder Riesen dem Publikum präsentierten. Das Publikum genoss wolllüstig den Angstschauer, die Abscheu und gleichzeitig die Begeisterung. Dazu schreibt Hans Scheugl in seinem Buch Show Freaks &Monster:

“Monster sind die Kulminationspunkte des Schrecklichen, in ihrem Zentrum aber
liegt die Unschuld. Sie sind Produkte der Angst, sie erzeugen sie nicht, denn die
Angst und das Schreckliche existieren unabhängig von ihnen. ...
Wer einem Monster begegnet und sich fürchtet, trägt das Monster in sich. Da wir
aber mit unseren Ängsten nicht fertig werden, grenzen wir ab: hier bin ich und dort
jenes Unbestimmte, das mich ängstigt - nennen wir es Monster. Erst durch diese
Abgrenzung entstehen Wertungen wie: häßlich, schrecklich, monströs. Würden wir
die Abgrenzung aufheben, unsere Ängste erkennen, löste sich das Monster auf,
denn die Ängste würden auf ihre realen Ursachen zurückgeführt werden."


Nun ist Khagendra Thapa Magar alles andere als ein Monster und doch kann man ihm nur wünschen, dass sie ihn nicht zu einem Monster und Kuriosum machen. Er strahlt so viel Stolz, Freude und vor allem Größe aus.
Hoffen wir, dass das bleibt, denn - wie hat es Egon Erwin Kisch formuliert?
"Ach niemand besieht das Pantheon dieser Größen von einst, deren Leben es war, umherzufahren in der Welt, sich schauzustellen vor einem Zehnpfennigpublikum im matten Vormittagslicht eines Kirchweihzeltes oder eines Gasthauszimmers oder im allzu grellen Schein der abendlichen Zirkusmanege. Ausgebeutet, wiesen sie auf ihren monströsen Geburtsfehler und erklärten ihn mit papierenem, eingelerntem Text. Oder waren sie stolz auf ihn?" 
Heute gibt es zwar keine Schaubuden mehr - dafür haben wir heute das Guinessbuch. Vielleicht mag ich es deshalb nicht. Weil Kleine, die eigentlich groß sind, aufs Kleinsein reduziert werden.

Thapa Magar selbst wünscht sich übrigens bald zu heiraten. "Dann würde ich mich in die Tasche meiner Frau setzen und mit ihr gemeinsam durch die ganze Welt reisen."

Kommentare:

Papagena hat gesagt…

Du meine Güte... beim letzten Satz musste ich gerade laut auflachen...

Ich sah gerade das Bild von Paris mit ihrem kleinen Hündchen in der Handtasche vor mir....
Der Mann als Lifestyle-Accesoire quasi...

Jetzt muss ich schnell wieder ernst werden, bei diesem nachdenklichen Artikel!


*flüster*
...aber Du hast nicht ZUFÄLLIG ein Bild des kleinen Mannes, nein?
Bin gerade echt neugierig geworden.

Papagena

Die Spaziergängerin hat gesagt…

Hier der Link zum Artikel+Bild:
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,723114,00.html