Mittwoch, 8. September 2010

Eins, Zwei, Drei: Protest

Heute mal ein wenig Politik.
Ehrlich -was bitteschön soll denn der Quatsch, Sarrazin aus der Partei und von seinem Posten in der Bundesbank zu stoßen? Sind wir in Deutschland nicht mehr fähig, eine anständige Debatte zu führen?
Ich bin wirklich schockiert und frage mich, ob denn hier niemand mehr seine Meinung sagen darf, ohne gleich an den Pranger gestellt zu werden?
Nicht dass ich alles vertrete, was Sarrazin von sich gibt. Keineswegs. Aber er bietet notwendigen und längst überfälligen Diskussionsstoff.
Und überhaupt. Kann sich irgendjemand in diesem Land noch daran erinnern, wie die Bundestagsdebatten abliefen, als Willy Brandt, Franz Josef Strauß und Herbert Wehner noch am Rednerpult standen? Ich glaube, allein Wehner wurde im Bundestag insgesamt 58 Mal wegen verbaler Entgleisungen verwarnt.
Und? War er deshalb untragbar? Nein – im Gegenteil - Politik war noch spannend.
Nach heutigen Normen würde man sie alle drei wahrscheinlich sofort köpfen.
Armes Deutschland. Wirklich.
Da mauscheln wir uns mit Scheindebatten durch und nun traut sich mal einer, den Mund aufzumachen und schon bricht das Gewitter über ihn herein. Seltsamer Weise nicht vom Volk initiiert – sondern von den Politikern selbst.
Was mir wiederum zeigt, wie weit sich die “Männer und Frauen des Volkes” doch von ihrer Basis entfernt haben.
Und noch etwas anderes sehe ich: die Angst der Politiker um ihre Posten und Pöstchen.
Wäre in diesem Land auch nur ein Politiker ernsthaft daran interessiert, wirklich etwas zu verändern, ohne Mauscheleien, ohne Duckmäuserei und Lobbyismus – sie würden ihm alle schnell klar machen, dass auf dem politischen Parkett ein anderer Wind weht und eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.
Die Karriere von Joschka Fischer ist für mich ein beeindruckendes Beispiel dieser Metamorphose vom Revoluzer zum Sesselpupser.
Es wird wirklich Zeit, dass die Menschen in diesem Land sich an ihre Eigenverantwortung erinnern und mitgestalten, statt wie die Schlange vor dem Kaninchen zu sitzen und das Kasperletheater zu verfolgen, das derzeit gespielt wird. Wann hast du deinen letzten Protestbrief geschrieben?
Gabriel fordert eine deutsche Leitkultur - ich hätte gern wieder eine deutsche Streitkultur!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Jeanette,
hast Du Deinen Protestbrief hoffentlich noch an anderer Stelle veröffentlicht, ihn an eine Zeitung geschickt oder so? Ich finde ihn sehr, sehr lesenswert und wünsche mir, dass er noch viele andere Menschen erreicht!!
Herzliche Grüße,
Dörte

Tina hat gesagt…

Ich finde, du hast total recht.

Und ich denke auch, dass Politiker als Privatleute ganz normale Menschen sein dürfen sollten. Mit Scheidungen, Affären, Seitensprüngen, ganz eigener Meinung und unbedachten Äußerungen.

Und auch in der Politik: Es ist wirklich so.. es herrscht nur noch Konformität aus Gründen des Postengeschacherns und Wählerstimmenfangens. Alles wird gleich zum Skandal hochstilisiert. Und wichtige Themen sind immer kontrovers und damit unpopulär. .... langweilig.. ätzend... und unser Ruin.

Mehrunissa hat gesagt…

Ich sehe das ein wenig anders. Seine Meinung darf und soll er äußern, das steht außer Frage. Dass die Bundesbank ihn rausgeschmissen hat, finde ich auch nicht ok. Die Bundesbank ist ein unparteiisches Organ und sollte sich von solchen Äußerungen distanzieren. Aber da ich selbst SPD Mitglied bin, bin ich vehement dagegen, dass jemand mit solchem Gedankengut sich weiterhin als SPD-Mitglied tituliert. Seine Aussagen sind einfach nicht vereinbar mit den Grundsätzen der sozialdemokratischen Partei, daher finde ich es richtig, dass man ihn nicht weiterhein dabei haben möchte. Wenn er wirklich der Meinung ist, dass genetische Unterscheidungen zwischen Rassen, besonders der "jüdischen Rasse", bestehen, soll er sich doch bitte einer Partei anschließen, die nicht die Gleichheit aller Menschen in ihrem Fokus hat.

Liebe Grüße

Svenja-and-the-City hat gesagt…

Ich sprach heute mit meinem Vater darüber und wir waren uns einig, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland in einigen Bereichen nur eine teilweise ist.
Ich mag den Sarrazin nicht und teile seine Ansichten nur am Rande, aber ich stehe dafür ein, dass er seine Meinung äußern darf, ohne persönliche Nachteile zu erleiden. Siehe auch: Eva Herrmann.

Juli Lessing hat gesagt…

Verwechselt Meinungsfreiheit bitte nicht mit Verantwortung in öffentlichen Ämtern.

Der Mann darf äußern und behaupten, was er möchte (auch wenn es wirklich Schwachsinn ist und ich täglich die Hände über dem Kopf zusammenschlage, weil es so dumm, polemisch und falsch ist). Er darf es als Privatperson tun und niemand ärgert sich - wenn er es aber als ein in der Öffentlichkeit stehender Mensch tut, der ein Amt bekleidet, welches mit einer gewissen Verantwortung einhergeht, wird es schwierig. Und genau daher hat er den Vorstand der Bundesbank nun verlassen - im Übrigen tat er dies freiwillig.

Vielleicht noch ein paar Worte zu Sarrazin:
Erinnert euch bitte alle an den Schwachsinn, den er schon vor Monaten von sich gegeben hat - da ging es noch um die "bösen Hartz-IV-Empfänger", die alle zu viel Geld haben (http://www.tagesspiegel.de/berlin/landespolitik/sarrazin-so-sollten-arbeitslose-einkaufen/1164148.html)

Jetzt hetzt er gegen Migranten und Muslime und andere Minderheiten mit wenig Geld, Privilegien oder Chancen.

All das ist polemisch und nur halb wahr: Die Studien, die er zitiert, sind entweder schon 70 Jahre alt, was viel über ihren Zeitgeist und die Glaubwürdigkeit sagt, oder wurden von ihm einseitig oder schlicht falsch ausgelegt - so zieht der Mann Schlüsse aus Daten, die er fehlinterpretiert, also folglich die falschen Schlüsse!
Allein das ärgert mich schon!

Noch dazu gießt der Mann Öl ins Feuer: Natürlich gibt es einige Probleme in der Einwanderungspolitik, die werden aber nicht verschwiegen - sie stehen nur nicht täglich in der Bild. Und nun trampelt der Herr Sarrazin einmal in die Öffentlichkeit, behauptet großen Käse und ganz Deutschland jubelt "das wird man doch noch sagen dürfen"...

Vor allem wird man hier doch noch denken dürfen!!! Ich freu mich, wenn die BILD das mal titelt...

Juli Lessing hat gesagt…

All das ist polemisch und nur halb wahr: Die Studien, die er zitiert, sind entweder schon 70 Jahre alt, was viel über ihren Zeitgeist & die Glaubwürdigkeit sagt, oder wurden von ihm einseitig oder schlicht falsch ausgelegt - so zieht der Mann ganz konsequent die falschen Schlüsse! Allein das ärgert mich schon!
Aber noch dazu gießt der Mann Öl ins Feuer: Natürlich gibt es Probleme in der Einwanderungspolitik - die werden aber nicht verschwiegen, sie stehen nur nicht täglich in der Bild. Und nun trampelt der Herr Sarrazin einmal in die Öffentlichkeit, behauptet großen Käse und ganz Deutschland jubelt "das wird man doch noch sagen dürfen"...
Ja, darf man - man muss sich nur eben auch der berechtigten Kritik daran stellen!