Donnerstag, 3. Juni 2010

Wie will ich gehen?

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über Ihren letzten Willen gemacht?
Darüber, wie Sie aus diesem Leben gehen wollen?
Darüber, ob man Sie künstlich am Leben erhalten darf, wenn Sie aus eigener Kraft nicht mehr essen und atmen können?
Darüber, ob Menschen, die Ihnen nahestehen über Ihr Ende entscheiden dürfen?

Derzeit läuft am Bundesgerichtshof in Karlsruhe ein wirklich spannender Revisionsprozess.
Spannend deshalb, weil das Thema Sterben und Sterbehilfe in Deutschland nach wie vor eine Grauzone ist und damit in vielen Fällen eine unzumutbare Tortour für Sterbende und Angehörige darstellt.
In besagter Sache geht es um die Verurteilung eines Rechtsanwalts, der, als erfahrener Medizinrechtler, seiner Mandantin geraten hatte, den Schlauch der Magensonde durchzuschneiden, über den ihre im Koma liegende Mutter ernährt wurde. Das hat sie befolgt, woraufhin vom Klinikpersonal gegen den Willen der Kinder eine neue Magensonde gelegt wurde. Die Mutter starb zwei Wochen später an Herzversagen. Es kam zum Prozess und während die Tochter freigesprochen wurde, weil sie auf Anraten des Anwalts gehandelt hatte, wurde der Rechtsanwalt wegen versuchten Totschlags verurteilt.
Nun erhofft man ein Grundsatzurteil und damit eine zweifelsfreie Rechtslage, die absteckt, wo die Grenze zwischen aktivem Töten und natürlichem Sterben verläuft.
Mich hat allein die Berichterstattung über die einzelnen Fälle sehr bewegt. Die Vorstellung, in die Zwangslage zu kommen, über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden, den man liebt, ist einfach schrecklich. Denn, mag das von Außen auch noch so aussehen, als ob alles Leben nur noch an Schläuchen hängt, wir wissen  nicht, wie es in dem Menschen aussieht. Heißt keine sichtbare Reaktion auch wirklich, dass kein Gefühl und keine Wahrnehmung mehr da ist? Andererseits ist es doch nicht menschlich, dass jemand über Jahre dahinvegetiert und selbst dann, wenn er den Wunsch hat, zu sterben, es aber aus eigener Kraft nicht tun kann, künstlich am Leben gehalten wird.
Ich finde es verdammt schwer, zu (be-) urteilen und für mich selbst einen klaren Standpunkt zu finden. Ich habe meine Großmutter in den Tod begleitet und stehe seither vielen Maßnahmen der modernen Medizin eher kritisch gegenüber. Aber das ist meine ganz persönliche Erfahrung.
Jedenfalls sehe ich in dem aktuellen Prozess eine Chance, die Selbstbestimmung der Sterbenden auch über die Angehörigen wieder zu stärken und daran zu erinnern, dass Lebenserhaltung um jeden Preis (hier im wahrsten Sinne des Wortes) zu oft am natürlichen Lebensfluss vorbeigeht.
Dazu ein sehr gutes Interview mit Micheal de Ridder. "Was ist so schlimm am Sterben?"

Kommentare:

artista hat gesagt…

Gedanken habe ich mir dazu auch schon gemacht - finde ich wichtig - es ist manchmal erschreckend wie mit Menschen umgegangen wird, die nicht mehr sich selbst sind/sein können.

Herzlichst
artista

die.waschkueche hat gesagt…

Ich habe letzten Oktober erleben müssen, wie ein nahestehender Mensch elendig verreckt ist. Entschuldigung für den Ausdruck, aber man kann es nicht anders beschreiben. Es war menschenunwürdig! Als diese Person noch bei Bewußtsein war, war seine Bitte schnell zu sterben und die Frage: Gibt es einen Gott, der er einen so leiden läßt?

Er wurde ins Krankenhaus gebracht, als wir zuhause mit der Pflege überfordert waren. 1,5 Wochen wurde er künstlich beatmet, mit Morphin zugeschossen und war nicht mehr ansprechbar. Wir Angehörigen haben (mußten tatenlos) beim Sterben zugesehen.

Hätte man auf die künstliche Beatmung und Ernährung verzichtet und nur das Morphin eingesetzt wäre er schneller und friedlicher gestorben, so war es ein einziger Kampf mit Schmerzen, ständiger Atemnot und den Wunsch endlich Sterben zu können.

Es ist eben diese Gretchenfrage. Die, glaube ich keiner wirklich beantworten kann und situationsbedingt ist. Aber wer will das entscheiden? Eigentlich nur der Sterbende und der ist oft genug nicht ansprechbar.