Dienstag, 8. Juni 2010

Was uns prägt

"Kind, was sollen die Leute denken?!"
Kennen Sie diesen Satz? Sitzt der auch manchmal in Ihrem Hinterkopf?
Mir kam er neulich beim Wäscheaufhängen wieder in den Sinn.
Dazu müssen Sie wissen, dass gewisse Handlungen bei mir mit konkreten Erinnerungen gekoppelt sind. Man nennt das Assoziationsketten.
Also Wäsche aufhängen, Betten machen und Boden wischen = Erinnerung an meine Oma. Und Oma = "Was sollen die Leute denken?!", denn das war der Oma wichtig.
Also musste die Wäsche in einer bestimmten Art und Weise aufgehangen werden, ordentlich versteht sich. Dabei spielte es keine Rolle, dass die Leinen auf dem Dachboden waren, wo eh niemand außer uns und ein paar Fledermäusen hinkam. Beim Bettenbeziehen war es wichtig, dass die Ecken der Decken wirklich auch exakt in den Ecken des Bettbezuges steckten - vor allem natürlich, wenn man die Betten für den Besuch bezog. Und beim Boden wischen kam es ebenfalls auf die Ecken an, denn daran, wie gut die geputzt waren, wurde man laut Omi von anderen Leuten in puncto Sauberkeit bewertet.
Die Krönung des "Was sollen die Leute denken" - Szenarios war allerdings, ja immer darauf zu achten, dass man ordentliche Unterwäsche trug. Nur für den Worst-Case, das man einen Unfall hätte, ins Krankenhaus müsste und dort der Herr Doktor das Leibchen sah.
Ja - darauf kommt es wohl an, jedenfalls sagt mir das meine Erinnerung. Real sehe ich das allerdings etwas anders und so muss ich immer schmunzeln, wenn bei besagten Handlungsabläufen, die Gedanken doch wieder aufblitzen.
Dass solche Erinnerungen oder nennen wir es mal Prägungen nicht so harmlos sein müssen, wie bei mir, sondern auch äußerst lebensfeindliche Strukturen annehmen können und unsere persönliche Entwicklung ziemlich beeinflussen, ist uns oft nicht einmal bewusst.
Wir machen einfach, weil es vertraut ist und weil wir es so gelernt haben.  Leben nach Vorlage, statt aktiver Gestaltung. Dazu ein guter Artikel aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift SEIN.

Die Sucht nach Leiden und die Entscheidung zur Freiheit

Kommentare:

Carrymuse hat gesagt…

Hallo Spaziergängerin,

grade Sätze wie "Was sollen die Leute denken?" sind in meinen Augen Gedankengänge, die die Welt nicht braucht. Außer, um die Menschen Löcher fallen zu lassen, wenn mal jemand anderem etwas nicht gefällt, was man tut oder nicht tut.

Es liest sich angenehm, was du schreibst. Und so wünsche ich dir weiterhin viel Spaß dabei :-)


Liebe Grüße,
Carrymuse

Coco hat gesagt…

Ich kenne so Einige, die genau aus diesem Grunde auf eine bestimmte Art und Weise handeln, denn "was könnten sonst die Leute denken?" Ich glaube, diese Symptomatik ist ausgeprägter als man glaubt.
Liebe Grüße, Coco

Ina hat gesagt…

Als ich deinen Post anfing zu lesen, dachte ich das genau die besagte Unterhose noch fehlt. Schwupp die schwupp, kam sie beim runterscrolen.
Denn die kenne ich auch. Das isnd so Dinge über die man schmunzeln kann, aber du hast recht. Es gibt Dinge die bei weitem nicht so zum lächeln sind.

LG
Ina