Freitag, 5. Februar 2010

Fenster putzen und die Liebe

Was für andere Menschen die Meditation oder für manche Frauen der Besuch beim Friseur, ist für mich das Fensterputzen. Ohne jetzt weiter auszuholen, lässt sich das so beschreiben: danach ist einiges klarer.

Vielleicht liegt es daran, das der Akt an sich bei mir einen gewissen rituellen Charakter hat.
Kein Fensterputzen ohne Sonne und kein Fensterputzen ohne Purple Schulz. Und zwar seine Balladen von 1984 - 1999 - zusammengefasst auf der CD "Sehnsucht". 
Möge mir Purple Schulz verzeihen, dass ich ihn zur Putzbegleitung degradiere. Andererseits ist es doch auch ein wahres Kompliment, wenn ich ihm über all die Jahre hinweg treu gebleiben bin und er mir mit seinen Texten weit mehr als die Arbeit verschönt.

Natürlich frage ich mich, warum das so ist. Tradition? Macke? Gewohnheit?
Nein - es ist die Verbindung von Klarsicht mit Klarheit, die mich bewegt.
Klarsicht durch saubere Scheiben, Klarheit durch Worte, die ein Mann singt, der selbst alle Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt hat und trotzdem noch an die Liebe glaubt. Das springt jedes Mal auf magische Weise auf meine eigenen aktuellen Gedanken über.

Wenn Sie mich fragen, was mich in den letzten Tagen besonders berührt und beschäftigt hat, dann waren es die Fälle sexuellen Missbrauchs, die gerade so peu à peu aus den Leichenkellern kirchlicher Institutionen auftauchen. Und so habe ich mich heute beim Fensterputzen einmal mehr gefragt, ob es den Betroffenen überhaupt noch möglich ist, nach so einer Erfahrung an die Liebe zu glauben und der Liebe Gottes zu vertrauen. Es muss ein unvorstellbarer Albtraum sein - damals und sicher heute noch einmal, wenn daran gerüttelt wird und all das zum Vorschein kommt, was die Seele verdrängt hat. Ich wünsche all jenen aus tiefstem Herzen Kraft das durchzustehen und um es mit den Worten von Purple Schulz zu sagen:
"Gib mir die Kraft das durchzuhalten
Gib mir den Mut weiterzugehen
Gib mir die Hoffnung in der tiefsten Nacht
den nächsten Tag zu sehen
Gib mir den Mut mich aufzulehnen
Hilf, meine Liebe zu bewahren
..."
Es lohnt sich, denn  es gibt sie - die Liebe. Für uns alle. Daran glaube ich ganz fest. Sie zeigt sich selten so pompös, wie wir es gern hätten. Manchmal ist sie nur ein Sonnenstrahl, der durch ein geputztes Fenster scheint, hinter dem jemand von ihr singt.
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